Kirchenburg Richis, Richis
(dt. Reichesdorf, ung. Riomfalva)
Photos © Andy
Winkler
| Allgemeine Informationen & Geschichte | Bilder & Fotos |

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Anfahrt: |
Zwischen Medias und Sighisoara von der -14- nach Biertan abfahren, von dort weiter nach Richis. Oder von Agnita über Barghis Richtung Medias und 4 Km hinter Pelisor rechts nach Richis (unbefestigte Straße). |
| Besichtigung: | Tagsüber möglich. |
| Übernachtung: | Keine Informationen vorhanden. |
| Info: | -/- |
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Historie: 1283: Richis wird in Verbindung mit dem Pfarrer Heinrich von Reichesdorf erstmals urkundlich erwähnt. 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts: Bau einer turmlosen gotischen Basilika mit zwei Nebenchören. Um 1500: Die beiden Seitenchöre werden von den Seitenschiffen abgetrennt. 16. Jahrhundert: Befestigung der Kirche. Sie war von einer ovalen Ringmauer umgeben. 1555: Reichesdorf wird "Markt" genannt und hat ein eigenes Gericht. Um 1600: Im Verlauf des Bürgerkrieges wird der Ort samt dem Pfarrhaus niedergebrannt, die Kirchenburg wird geplündert. 1634: Reparaturen an der Kirche. 1702: Ein Großteil des Ortes brennt nieder. Auch der Glockenturm, der Teil der Ringmauer war und einen Wehrgang hatte, wird teilweise zerstört. 1704: Kurutzen plündern den Ort. 1888: Große Teile der Ringmauer werden abgetragen. 1910-11: Die Nördliche Kirchenmauer wird abgetragen. Quelle: Hermann Fabini, "Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen", Band 1 (3. überarbeitete Ausgabe), 2002, Monumenta Verlag Hermannstadt und Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg
1532 - also 80 Jahre nach der Erbauung seiner so prächtig ausgestatteten Kirche - zählte Reichesdorf 152 Wirte, gegenüber Birthälm, das damals mit 345 Höfen im Ortsverzeichnis der "Zwei Stühle" eingetragen war. Auch hier wie im ganzen Kokelgebiet bildete der Weinbau die Haupteinnahmequelle, was uns schon die sanftgeneigten Südhänge der Hügelkette sagen, die das enge Tal begleiten. Ausgedehnte Laubwälder mit reichem Wildbestand krönen die Bergkuppen, Rehe, Hasen, die vor dem Auto über den Weg setzen, sind keine Seltenheit. Scheuer sind schon die unzähligen Wildschweine; die kommen erst hervor, wenn auf den Feldern im Tale das "türkische Korn" reift - wie man hier den Mais nennt. Die Reichesdorfer Kirchenburg liegt zu ebener Erde inmitten des Dorfes, daher umgab ein entsprechend hoher, einfacher Mauerring mit einem westlich vor die Kirche gestellten Tor- und Glockenturm die dreischiffige Basilika. Im SO an der in ein malerisches Seitental mündenden Strasse ragt der einzige noch erhaltene Wehrturm auf, mit dekorativ gestalteten Gusslöchern und Schiessscharten unter seinem Pultdach, an der hocherhobenen Stirnfront. Er stand gewiss über einem ehemaligen Eingang in die Burg, wie auch die zugemauerte Rundbogenöffnung seiner in die Ringmauer einbezogenen Nordfront andeutet. Führt im Norden die Wehrmauer sehr nah an der Kirche entlang, ist der Südteil des Burghofs so geräumig, dass hier "das alte Rathaus", ein Wohnturm und Bergfried Platz fand, wo in Belagerungszeiten der Pfarrer hauste, im Frieden Schule gehalten wurde. 1907 fungierte es noch im Grundbuch und verschwand wohl 1910 mitsamt dem Nordostabschnitt der Ringmauer. Ihr südlicher Teil, zwischen dem einzig stehenden Wehrturme und dem Glockenträger im Westen, wurde 1888 bis auf 2 m Höhe abgetragen - man brauchte die Steine eben zum Neubau der Schule. Man verstand sich den Erfordernissen des Tages anzupassen: Waren Türken und Tataren im Anzug, so musste im 15. Jh. zum Schutze des Leibes und Lebens die Burg gebaut werden; als man sie in den friedlicheren Zeiten des 19. Jh. entbehren konnte, wurde manch altehrwürdiger Zeuge der blutigen und wechselvollen Geschichte Seibenbürgens dem Fortschritt geopfert. Man baute aus dem Abbruchmaterial der Wehrmauern und -türme die neue größere Schule, den Gemeindesaal. Wo die alten Türme stehen bleiben durften, hatten sie meist auch eine praktische Funktion übernommen: Nirgend reift der zu Recht so berühmte Speck so herrlich aus wie in dem kühlen, luftigen, vielhundertjährigen Steingemäuer. Hier erscheint aber der Verlust der einst mit Wehrgang und Schiessscharten versehenen Mauer nicht so schmerzlich; liegt nun die Basilika mit ihren kaltweiß getünchten Wänden und den hochroten Pultdächern der Seitenschiffe weithin sichtbar vor dem mit dunklen Föhren bestandenen Friedhofshügel. 1451 steht als Vollendungsjahr des Baudenkmals in einer Inschrift über dem Triumphbogen und auf der die Schwurhand eines Mittelschiffschlusssteins umgebenden Philaktere. Begonnen wurde der Bau jedoch schon in der zweiten Hälfte des 14. Jh. wie sämtliche, noch der Hochgotik angehörenden Stilelemente beweisen. Seine Eigentümlichkeit in der Reihe sächsischer Basiliken bilden die beiden, den Hauptchor flankierenden Nebenchöre, in Fortsetzung der Seitenschiffe, mit denen sie anfangs in Verbindung standen. Ihr Vorhandensein erinnert an den Anlageplan der Michaelskirche in Cluj-Napoca. Noch während der spätgotischen Bauperiode wurden die Nebenchöre von den Seitenschiffen durch Trennungswände geschieden, wie der rechteckige oben mit einem Kragsturzbogen abschließende Steintürstock in der Querwand des Südchors beweist. Eine Sakramentnische in der Südwand dieses Raumes deutet auf seine Verwendung als Kapelle hin, während im Nordchor eine piscina - eine Ausgussnische für den übriggebliebenen Abendmahlswein, der in der Mauer versickert - darauf schließen lässt, dass der Raum schon in vorreformatorischer Zeit als Sakristei diente. Dies beweist auch der spitzbogige, gotische Steintürstock des Sakristeieingangs in der Nordwand des Hauptchors. Die darin eingesetzte Lindenholztüre mit der gleichen kunstvollen Einlegearbeit wie jene an der Birthälmer Sakristeitür ist nur um ein Jahr später datiert als diese und hat unter der Jahreszahl das Reichesdorfer Wappen aufgemalt: den mit dem Schnabel einen Fisch aus dem Wasser ziehenden Reiher. Auch das Schloss gleicht in etwas bescheidener Ausführung jenem von Birthälm, an den freistehenden Ende mit den gleichen Drachenköpfen verziert. Fünf Paar Arkadenbögen verbinden Mittel- und Seitenschiffe, vier davon schließen spitzbogig ab, das fünfte an den Triumphbogen anschließende Paar ist beinahe halbrund geschlossen und entspricht einem nahezu quadratischen Gewölbejoch, das dazu bestimmt war, einen Turm zu tragen, der aber nie ausgeführt wurde. Darauf weisen auch die massiven oktogonalen Pfeiler hin, die das Joch tragen, sie sind durch breite Wandvorlagen und bis auf den Boden herabgezogene Gurtbögen verstärkt. Alle drei Schiffe sowie Haupt- und Nebenchöre tragen Kreuzgewölbe, deren steinerne Diagonalrippen sich in runden, reliefgeschückten Schlusssteinen treffen, während die Gurtbögen Wappenschilder tragen: Kein zweiter ländlicher Sakralbau Siebenbürgens ist so reich an kunstvoll gemeißelten Schlusssteinen verschiedenster Thematik und Komposition. Die des Langhauses und der Nebenchöre haben auch farbliche Fassung, während die Schlusssteine des Chores unbemalt bleiben. Der von Blattwerk umgebene, seine Jungen mit dem Blute seiner Brust nährende Pelikan, über dem rechteckigen Joch des Chores, gehört mit der Bewegtheit seiner naturalistisch gestalteten Formen der Hochgotik an, wogegen das figurale Relief über dem Chorabschluss, in der streng symmetrischen, straffen Linienführung paralleler Gewandfalten noch rein romanisch anmutet. Von vegetalen zu zoomorphen und figürlichen Kompositionen, von symbolhafter Interpretation zu rein dekorativer Auffassung , zeugen die 25 Schlusssteine der Basilika vom Ideenreichtum und Formenschatz sächsischer Steinmetzen. Es scheint, als hätten die Reichesdorfer, die ihrer Basilika im Äußeren nicht die imponierende Wirkung des Birthälmer Monumentalbaus verleihen konnten, letzteren wenigstens in der Innenausstattung übertreffen wollen - was ihnen zweifellos gelungen ist! Vielfalt und Reichhaltigkeit der Schlusssteine wiederholt sich auch in den Konsolen, von denen die Dienste der Gewölberippen aufsteigen. Pfeiler und Gurtbögen sind an den Kämpferpunkten von Kapitellfriesen und Gesimsen umgeben, in denen spätgotisches Blattwerk mit Masken und Tierformen abwechselt, alle der Natur abgelauscht, von höchster Bewegtheit, die dennoch nicht unruhig wirkt! Jeder Bewegung entspricht sogleich eine Gegenbewegung, die wellenartig oder züngelnden Flammen gleich, das ganze Kapitellfries durchläuft. Brombeerblattranken, Weinreben, Sonnenblumenketten, tiefausgelappte, weichwellige Blätter, welkendem Laube gleich, winden sich die Pfeiler, die Kapitelle des Westportals - alle dem gleichen Dekorationsgedanken unterworfen, der sich zur Aufgabe stellt, dem starren Stein die Bewegung des wirklichen Lebens mitzuteilen. So faszinierend reichhaltig ist dieser plastische Schmuck, dass er stunden-, ja tagelang vom Blick des Beschauers nachgezeichnet werden kann, ohne ihn zu ermüden. Es geht eine unerhörte Dynamik von diesen steinernen Ornamenten aus, die uns etwas vom Lebensgefühl jener Zeit nahe bringen, den einzigartigen Elan nachempfinden lassen, der die Schöpfer dieser Plastik beseelte. Mehrere Meister waren hier am Werk, einer von ihnen war unzweifelhaft auch in Hermannstadt tätig; hier wie dort gibt es eine steinerne Kanzel, deren schier indentischer "Predigtstuhl" in der Reichesdorfer Sakristei und der "Ferula" der Hermannstädter Stadtpfarrkirche steht, während die Baldachine beider Kanzeln unversehrt heute noch jeweils am zweiten Pfeiler der Nordseite im Mittelschiff angebracht sind. Bisher war die Hermannstädter Kanzel als einzige in Siebenbürgen bekannt, deren Baldachin erhalten ist; ihr Reichesdorfer Gegenstück - ja man könnte ruhig Duplikat sagen - ist eine Entdeckung unserer vorjährigen Forschungsreise. Da die Kanzeln nicht nach Fertigstellung des Baus eingefügt werden konnten, bietet das Vollendungsjahr 1451 für Reichesdorf ein Datum ante quem für die Herstellungszeit beider Stücke. Wertvollste Steinmetzarbeit ist auch die Umrahmung der Sakramentnische im Chor, in dessen Ziergiebel sich das symbolische Pelikanmotiv wiederholt, Gleichnis der Selbstaufopferung. Das bedeutendste Werk besitzt Reichesdorf aber im Hauptportal der Basilika, dessen reichgegliederte Archivolte, von feinen Fialen flankiert, in einem Risalit der Westfront vorgelagert ist. Die ungemein akkurate des ganzen Gewändes, der Kapitellfriese, der eigenartigen in betontem Relief hervortretenden Kreuzigungsgruppe des Bogenfeldes weisen die Arbeit einem einzigen Meister zu, den wir uns aus Böhmen oder Polen zugewandert denken müssen, da er den Dekorationsstil der Prager Parler-Bauhütte nach Siebenbürgen übermittelte. Das Neuartige, Bedeutende des Lünettenreliefs besteht in der deutlichen Tendenz, die Szene so realistisch wie nur möglich zu schildern, auch hier die äußere und innere Bewegung des Lebens in Haltung, Gestik, Mimik sichtbar zu machen. Das Geschehen soll so packend erzählt sein, dass der Beschauer sich gegenwärtig an den Ort der Handlung versetzt fühlt. Es ist dies ein von Böhmen ausgehender Stil, der auch eine Reihe von Werken siebenbürgischer Plastik geprägt hat. Besonders schön ist die Gewandbearbeitung. Die Vertikalachse der Komposition bildet das Kruzifix; der schmerzlich bewegten Gruppe trauernder Frauen, zu der auch Johannes gehört, ist auf der anderen Seite des Kreuzes eine Gruppe von drei in ihrer aufrechten Haltung unbeteiligt erscheinenden Reitern gegenübergestellt, zur Wahrung der Kompositionssymmetrie und der Betonung des Kontrastes: Schmerz - Gleichgültigkeit. Nicht unerwähnt dürfen drei übereinanderliegende Emporen im Westende des Mittelschiffs bleiben. Die ursprüngliche ist die Mittlere, wie der Schlussstein ihres Gewölbes beweist, der jenen des Mittelschiffs gleicht. Darüber errichtete man 1735 das hölzerne "Purscheglater". Beide Emporen sind über die ausgetretenen Steinstufen der im Treppentürmchen am Südwestende der Kirche aufsteigenden Wendeltreppe zugänglich. Ende des 18. Jh. wurde die dritte Empore unterhalb der ersten eingebaut, zur Aufstellung des "pneumatischen organums" aus 1788. Damals dachte man bereits nur noch praktisch; die Störung der harmonischen Raumverhältnisse war den Besitzern der neuen Orgel gleichgültig. Allerdings wirkt ihr Prospekt mit edler Barokschnitzerei in grün-goldener Farbfassung außerordentlich vornehm. Reichesdorf besitzt die am reichsten mit architektonischer Plastik ausgestattete sächsische Dorfkirche. Quelle: www.Karpatenwilli.com
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